„DIE TÜRMERIN VON MÜNSTER“ – EIN JOB MIT AUFSTIEGSCHANCEN

ODER: WAS ICH MIT GOETHE GEMEINSAM HABE…

 

Zum ersten Mal wollte ich einen Blog-Recherche-Termin nach wenigen Minuten abbrechen. Noch dazu einen, auf den ich mich schon lange gefreut hatte, weil er wirklich eine einzigartige Gelegenheit versprach: Ich durfte die Türmerin von Münster hoch oben in ihrer Türmerstube auf St. Lamberti besuchen. Dreihundert Stufen sind es bis dahin, um genau zu sein. Die ersten Beiden davon liegen noch draußen vor der kleinen Holztür neben dem Sandstein-Emblem, das den Türmer zeigt, und waren völlig problemlos zu bewältigen. Doch schon einige Dutzend weiter übermannte mich Panik; der beengte Aufgang und die Erinnerung daran, wie hoch die Lamberti-Kirche gerade noch von außen ausgesehen hatte, waren dann doch etwas viel für mich… Sollte es mich beruhigen, dass die Türmerin dann auch noch pünktlich um Viertel vor Neun zum Handy griff und die Feuerwehr darüber informierte, dass sie mit zwei Besuchern auf dem Turm ist? Oder, dass in den 90er-Jahren hier schon Höhenangst-Patienten behandelt wurden? Beides so gar nicht, aber letztendlich steckte mich Martje Saljés mutige Begeisterung doch an, und wir erklommen gemeinsam mit Reisebloggerin Rebecca Schirge den höchsten Punkt der Münsteraner Innenstadt:

 

Türmer von Münster Relief

 

Hoch oben in der Türmerstube

 

Als Martje ihr absolut außergewöhnliches Dienstzimmer 2014 – wohl bemerkt, als erste Frau – bezog, setzte sie damit eine jahrhundertelange Tradition fort: Seit der Erbauung der Markt- und Bürgerkirche Ende des 14. Jahrhunderts gibt es auf St. Lamberti einen Türmer, der die Stadt vor Feuer und Feinden schützt und jeden Abend (außer dienstags) hoch oben in seiner Stube wacht.

 

Lambertikirche Münster Skizze

 

Seit fünf Jahren macht sich nun Martje, die Geschichte und Musik studiert und danach die ganze Welt bereist hat, allabendlich auf den beschwerlichen Weg: Mittwochs fallen auch ihr die dreihundert Stufen etwas schwerer als sonst; sie merkt durchaus, wenn sie einen Tag aus dem Training kommt. Auf halbem Wege nach oben schaut sie immer an der „Rats- und Brand-Glocke“ vorbei, die die Türmerin alle fünf Jahre nach der Oberbürgermeisterwahl läuten darf.

 

St. Lamberti Münster Ratsglocke

 

Hier hängen auch noch die „Täuferkörbe“, in denen 1536 die drei hingerichteten Anführer des Täuferreiches zur Warnung und Abschreckung aufgehängt wurden. So viel fast schon gruselige Geschichte und eine so gigantische Aussicht auf das zauberhafte Münster – das lenkt sogar Höhenängstige zeitweise ab…

 

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Endlich ist das Ziel erreicht: in der Türmerstube vergisst man fast, wie weit entfernt man sich gerade vom Erdboden befindet. Gemütlich, heimelig, einladend! Das Sofa allerdings, das sich ihr Vorgänger unglaublicherweise hierher bringen ließ, weil ein Möbelhaus mit „Frei-Haus-Lieferung“ geworben hatte, gibt´s nicht mehr…

 

Münster St. Lamberti Portal

 

Hier verbringt also Martje ihre Abende, ob Sommer, ob Winter. Sie wacht und musiziert, sie liest und schreibt… Ab kurz vor neun erinnert sie ihr Handy bis Mitternacht halbstündlich daran, pünktlich das Signal zu geben: Mit einem Kupferhorn betritt sie den rund um die Türmerstube verlaufenden Balkon, „tutet“ zunächst nach Süden, dann nach Westen und Norden. Den Osten spart sie traditionellerweise aus, weil hier der Altar steht. Auch bei der Anzahl der Töne spielt Religion eine wichtige Rolle: Die Drei, auf die hier alles ausgelegt ist, symbolisiert die göttliche Dreifaltigkeit. Übrigens: die Münsteraner merken es sofort, wenn da mal ein Ton mehr oder weniger kommt 😉

 

Münster Prinzipalmarkt Europa

 

Falls du dir jetzt überlegst, vielleicht auch Türmer/in zu werden, muss ich dich leider enttäuschen: Martjes Job ist so europaweit einzigartig, und sie liebt ihn so sehr, dass sie ihn gern noch übers Rentenalter hinausmachen möchte, wenn es irgendwie geht:

 

Türmerin von Münster Martje Saljé Gitarre

 

„Ich erzähle auch sehr gern, weil ich ja selbst so begeistert davon bin!“

 

Einen schön zentral gelegenen Arbeitsplatz hast du hier… Nur mit Parkplätzen sieht es etwas schlecht aus. Kommt die Münsteraner Türmerin, wie es sich gehört, mit der „Leeze“?

Natürlich, selbstverständlich! Münster ist doch Fahrradstadt. Und das ist auch der Grund, warum ich überhaupt genommen wurde, behaupte ich mal… Es gibt ja Münsteraner Todsünden: Evangelisch sein, zugezogen sein – so ein Pech, bin ich beides – und dann auch noch Autofahrerin, das wäre ja gar nicht gegangen! Also, Leeze fahren, selbstverständlich…

Münster Prinzipalmarkt

 

Türmer bzw. Türmerin ist ja kein alltäglicher Lehrberuf wie Bäcker oder Maurer. Welche Aufgaben hast du und wer hat dir beigebracht, wie du sie zu machen hast?

Der Beruf „Türmer“ ist nicht geschützt. Daher gibt es auch ganz viele Arten von Türmern… In Münster ist es traditionell so, dass er als Brand- und Feindeswacht diente. Die Feindeswacht kommt heutzutage nicht mehr oft vor, Brände habe ich schon mehrere entdeckt. Meine Pflicht ist es, immer zu festgelegten Zeiten das Signal zu geben, zu melden, ob Gefahr da ist oder nicht, meistens sind es aber Friedenssignale. Die gebe ich mit einem Kupferhorn, das auch traditionell von Türmer zu Türmer zu Türmerin immer weitergegeben wird … Zu den Aufgaben gehört übrigens auch Berichterstattung. Der Türmer ist auch eine Art Stadtschreiber, deswegen wurde ja auch das Türmer-Blog eingeführt, und bei Facebook bin ich in Echtzeit erreichbar. Das gehört auch zur Jobbeschreibung, dass man eben die Menschen darüber informiert, was man tut.

 

Münster Lambertikirche Kuppel

 

Über deinen Vorgänger konnte ich lesen, dass er hoch oben in seiner Türmerstube hunderte Bücher gelesen hat im Laufe der Jahre. Wie verbringst du die Zeit am liebsten?

Das hat er mir so weitergegeben. Der ist auch derjenige, der mich in zwei Nächten ganz genau instruiert hat, auf was ich achten muss, und dass es als Türmer auch ganz wichtig ist, viel zu lesen. Nicht nur über Geschichte, sondern auch über das Türmerwesen an sich. Und das mache ich auch. Ich nehme mir immer was aus dem Archiv mit, oder aus den Büchereien. Auch da habe ich wieder ganz viele wertvolle Tipps von meinem Vorgänger bekommen, wo man Türmer findet in der Weltliteraturgeschichte – man ahnt es nicht…

 

Münster Dom

 

Eine kurze Google-Suche hat schnell gezeigt, dass ich nicht der erste Gast hier oben bin und auch heute ist eine weitere Bloggerin dabei. Wie oft hast du Besuch bei der Arbeit?

Das klingt immer häufig so, wenn man das mal liest in der Zeitung oder das Fernsehen hier oben ist, aber in Wirklichkeit ist das nicht mehr so oft. 2014, als ich anfing, da war fast jeden Abend jemand hier. Unfassbar! Und dann heißt es immer, die Ruhe im Turm… Naja, jetzt allmählich kehrt sie ein, nach fünf Jahren im Dienst, und das ist auch gut so. Ab und zu, einmal in der Woche oder alle zwei Wochen, ist jetzt mal jemand mit oben, und dann erzähle ich auch sehr gern, weil ich ja selbst so begeistert bin davon. Davon gebe ich gern etwas weiter, egal welches Medium, ob Blog, Fernsehen oder Radio, manchmal bekomme ich auch Anrufe hier, Telefon-Interviews, mit denen, die die dreihundert Stufen scheuen…

 

Lambertikirche Treppe

 

Kannst du von hier oben aus eigentlich deine eigene Wohnung sehen und mal eben nachgucken, ob du das Licht angelassen hast?

Im Moment noch, ja. Ich wohne in der Innenstadt; weil es aber zu teuer geworden ist, und ich auch gern mit meinem Freund zusammenziehen möchte, werde ich meine Wohnung ab nächstem Monat nicht mehr sehen können… Ich habe aber ein Pedelec, so kann ich auch weiterhin aufs Auto verzichten!

 

Prinzipalmarkt Schild

 

Im Tatort Münster oder bei Wilsberg werden ja auch gerne mal Verbrecher über den Prinzipalmarkt gejagt, bekommst du von hier oben was von dem Leben da unten mit?

Also, wenn da unten gedreht wird, krieg ich auch die Dreharbeiten mit. Das ist großartig! Aber auch sonst… Das Lustigste an Gesprächen, das ich mal hören konnte, fand offensichtlich zwischen zwei Neu-Münsteranern statt, Studierende schätze ich, die da so langliefen und sich immer mit dem Tuten umdrehten und fragten, wer denn da hupt. Die regten sich völlig auf, weil sie nichts entdecken konnten, aber mal nach oben zu schauen, darauf sind sie nicht gekommen. Dann sagte der Eine im Weggehen noch: Ich glaube, das war die Glöcknerin… Da wollte ich noch hinterherufen: Hey, ich bin nicht die Glöcknerin! Aber ich hab´s dann gelassen; im Laufe ihrer Münsteraner Zeit werden sie schon noch von mir lesen oder hören…

Münster St. Lamberti Ausblick Grüngürtel

 

Hast du eigentlich ein Fernglas, um bei Rauch auch genauer hinsehen zu können?

Ja, das ist ganz wichtig. Ich habe eins mit Nachtsichtverstärkung, weil ich auch was sehen muss, wenn es dämmert, und eins, was ich bei Tag benutze. Was ich mir selbst noch besorgt habe, ist ein Teleskop, ein ganz schön großes, mit eigenem Computer. Da schraubt man das dann drauf, und dann kann ich wirklich richtige Sternbeobachtungen machen. Man kann eingeben, welchen Stern man betrachten möchte. Ich bin totaler Mond-Fan, und da sieht man wirklich seine ganzen Mare und Berge. Besonders spannend ist der Rand des Mondes, kurz bevor er zum Vollmond wird, der sogenannte „Terminator“. Ich bin noch Anfängerin, aber das ist superinteressant! Es gibt auch die „Sternfreunde Münster“, die das wirklich professionell machen. Ich schreibe dann immer mit meinem Ansprechpartner Jürgen Stockel, der mir weitere Tipps gibt. So kann ich all meine Hobbys, die Sterne, die Geschichte und die Musik, hier oben miteinander verbinden!

 

Türmerin von Münster Tuten Martje Saljé

 

Ich persönlich mag ja auch klare Winternächte, trotz der Temperaturen. Was ist deine Lieblingsjahreszeit hier oben auf dem Turm?

Absolut die Adventszeit, weil dann überall die Lichter an sind. Und wenn dann die Luft kristallklar ist, und die Bäume geschmückt sind mit Lichterketten, und die fünf Weihnachtsmärkte Münsters erstrahlen, ist das schon ganz was Besonderes! Das geht mir so ans Herz, eine richtig beruhigende und berührende Zeit!

 

St. Lamberti Ausblick

 

In meinem Blog geht es um Münster und Umgebung. Gute Tradition ist es inzwischen, dass meine Interviewpartner mir zum Abschluss ihre Lieblingsplätze in und um Münster verraten. Was kannst du meinen Lesern empfehlen?

Aasee, rauf und runter! Die Gastronomie, wenn man Geselligkeit mag, oder Ruhe beim Angeln, Tretbootfahrer oder Segler, die Thorminbrücke, die auf meiner Joggingstrecke liegt, dann die Kunst am Aasee und der Steg, der in den See reinführt und wo man sich hinsetzen kann… Ich mag den Aasee einfach unglaublich gerne!

 

Aasee Tretboote

 

Um seine Höhenangst in den Griff zu bekommen, ist Johann Wolfang von Goethe nach Straßburg gereist, dort immer wieder auf den 142 Meter hohen Turm des Münsters gestiegen und hat sich stückchenweise dem Geländer genähert. So hat er sie schließlich besiegt… Puh, davon bin ich noch weit entfernt, aber das war auch überhaupt nicht mein Ziel. Ich war mit der Türmerin hoch oben auf St. Lamberti – und darauf bin ich stolz!

 

Münster St. Lamberti Ausblick Dom

 

Öffentliche Führungen sind aus versicherungstechnischen Gründen leider nicht möglich, aber bestimmt triffst du die Glöcknerin, pardon, die Türmerin mal am Boden, wenn du in Münster unterwegs bist. Und wenn du die Türmerin Martje auch mal als Musikerin erleben willst, schau mal auf ihrer Künstlerinnen-Seite vorbei. Dort kannst du auch auch ihre frisch erschienene CD mit Münster- und Türmerliedern bestellen (natürlich in besserer Qualität, als in meiner Tonaufzeichnung).

 

 

St.-Lamberti-Kirche, Lambertikirchplatz 1, 48143 Münster

https://tuermerinvonmuenster.de/

https://www.facebook.com/tuermerinvonmuenster/

https://martjesalje.blog/

https://www.stadt-muenster.de/tourismus/sehenswertes/tuermerin.html

https://rebeccaswelt.de/

 

 

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